Bondage, Shibari, Kinbaku – oder wie man Tine zum Schweigen bringt

Nach dem letzten Eintrag ist es hier ruhig um mich geworden. Natürlich hat mein Freund den auch gelesen, und war sehr getroffen. Wir haben lange geredet, und uns war klar, dass sich etwas ändern muss. Ich habe gerne harten Sex. Und ich mag es, dominiert zu werden. Also soll man etwas ändern, was doch eigentlich so gewollt war? Nun, es muss eine neue Komponente gefunden werden.

Da wir seit letztem Monat bereits einen Termin bei Kanjo Emotion hatten, wollten wir den auch wahrnehmen. Egal, ob unsere Beziehung derzeit ziemlich kaputt ist. Schließlich wohnen wir zusammen, und eigentlich ist es mehr als BDSM was uns verbindet. Über Joy sind wir vor kurzem auf Shibari Bremen aufmerksam geworden, bei denen wir einen Online-Kurs hatten.

Zugegeben, das ist nicht so cool. Unter den derzeitigen Corona-Bedingungen aber die einzige Möglichkeit. Einige bieten solche Kurse im Internet an. Es dauerte ca 2 Stunden, und war vollgepackt mit Informationen. Gefesselt wurde da kaum. M und ich hatten vor Corona bereits einen Einführungskurs in einem Club. Interesse hatte ich daran schon immer. In der BDSM-Szene ist fesseln ja kaum weg zu denken. Da wird immer irgendwas mit Handschellen usw. gemacht. Nach dem Kurs habe ich erst angefangen mich damit zu beschäftigen.

Das erste was auffällt, sind die unterschiedlichen Bezeichnungen. Bondage, Shibari, western Style, und wie sie alle heißen. Da muss man erstmal durchblicken. Andreas hat in seinem Blog das sehr schön erklärt. Ich denke kurz und knapp gesagt, ist Bondage ein anderes Wort für western Style. Da es aus Europa kommt, für mich am ehesten nachvollziehbar. Übersetzt heißt das so viel wie „Knechtschaft“ oder „Unfrei“. Was dann eher in die BDSM-Szene einzuordnen ist. Hier geht es darum, den Fesselpartner bewegungsunfähig zu machen, um mit ihm spielen zu können. Es geht um Fixierung, zumeist mit Handschellen, Armfesseln oder Klebeband. Ich persönlich habe Bondage immer als Vorstufe zum Sex erlebt. Meistens wurde ich fixiert, damit mein Herr in mich eindringen konnte. Dass ich dabei Lust durch Fesselung hatte, war für ihn Nebensache. Ihm ging es darum, dass ich mich nicht wehren kann.

Durch den Workshop bekam ich dann ein ganz anderes Gefühl fürs Fesseln. Aber zuerst mal ein paar Begriffe, damit keiner durcheinander kommt. Ich, als gefesseltes „Opfer“ werde meistens Bunny genannt. Diese Verniedlichung wird aber nicht von allen Riggern gerne benutzt. Ein Rigger ist der aktiv Fesselnde. Auch hier bezeichnet sich nicht jeder gleich. Der Unterschied wird besonders extrem spürbar, wenn man sich mit jemandem unterhält, der Shibari macht. Da ist es kein Bunny, sondern der Fesselpartner, und man selbst ist kein Rigger, sondern der Fesselnde.

Shibari bezeichnet das Ergebnis des Fesselns an sich. Übersetzt heißt es „fesseln“ oder „festbinden“. Seinen Ursprung hat es im Militär, bzw. aus dem Polizeidienst wo in Japan Menschen abgeführt wurden, bzw. als abschreckende Maßnahme. Heute ist Shibari ein Ausdruck für Seilfesselungen, und wird an Schulen gelehrt. Siehe auch wikipedia oder da. Durch die Vielzahl der japanischen Bezeichnungen klingt es natürlich viel interessanter als das profane Bondage. Und sieht natürlich auch viel besser aus. Susann Decuir hat dazu ein paar Gedanken und Bilder mit Fakten zusammengetragen.

Kinkbaku bedeutet „straffes schnüren“ und dabei geht es um kunstvolles Fesseln. Ja, das geht auch. Während beim Bondage und beim Shibari das Bunny (ich finde den Begriff super) gefesselt wird, und durch diese Fesselung Lust verspürt, und es danach nicht ausgeschlossen ist, dass man danach übereinander herfällt – egal ob gefesselt oder nicht, geht es beim Kinkbaku hauptsächlich um Ästhetik. Kinkbaku ist der Weg über das Shibari zum Fesseln. Die Seilbändigerin hat dazu wunderschöne Bilder mit Erklärung auf ihre Webseite gestellt.

Bevor ich Dich jetzt mit Begriffen wie Starppado, Karada oder Hogtie langweile, will ich lieber etwas zu gestern erzählen und allgemeine Verhaltensregeln hier aufschreiben. Denn immer steht das Wohlergehen des Bunny im Vordergrund. Wenn der Rigger unerfahren ist, ist das nicht weiter schlimm. Allerdings bei zu großer Selbstüberschätzung kann es passieren, dass es zu Unfällen oder sogar zum Tod führen kann. Ja, Tod!!! Jeder Lehrer wird deshalb immer darauf hinweisen wie wichtig es ist, während der kompletten Fesselung anwesend zu sein. Lass niemals Deinen Fesselpartner alleine. Weder hängen, noch liegen. Man weiß nie wie so ein Körper regiert. Selbst ich, die ja bekanntlich total auf würgen steht, kann einen Schock bekommen, keine Luft mehr kriegen, Finger werden taub, usw. Es ist eine lange Liste, was passieren kann.

Wohlfühlen ist die Devise. Shibari hat etwas mit schöner Musik und Gemeinschaft zu tun. Es ist das Einlassen des Bunny auf den Rigger. Eine Einverständniserklärung zur Hingabe. Das hat weder etwas sexuelles, noch SM-mäßiges. Es ist ein Augen schließen, die Seile fühlen, und einfach nur genießen. Wenn eins von den Dingen nicht stimmt, dann macht es keinen Spaß. Weder dem Bunny, noch dem Rigger. Wenn Angst im Spiel ist, dann ist es von vornherein nicht gut. Vorfreude, Erregung, Aufregung, Herzklopfen, alles okay. Aber niemals Furcht, Panik oder ein ungutes Gefühl. Als Bunny musst Du Dir immer hundertprozentig sicher sein, dass Dein Rigger Dich jederzeit befreien kann und möchte. Deshalb, und jetzt wirds für viele seltsam: liegt immer ein Messer in greifbarer Nähe.

Ein Messer? Oh Schreck, wie furchteinflößend. Nein, reine Sicherheitsmaßnahme. Wenn irgendwas kneift, dann lockert man Seile. Wenn ein Kribbeln im Finger ist, dann fesselt man wieder ab. Aber wenn man keine Luft mehr bekommt, oder plötzlich eine Panikattacke, dann muss es schnell gehen. Da zählt jede Sekunde. Scheiß auf die Seile. Scheiß auf das Geld. Sofort Seile durchschneiden, Bunny trösten, oder sofort den Krankenwagen rufen. Niemals zögern! Es gab schon zu viele Tote bei Fesselspielen. Man unterschätzt die Zugkraft der Seile. So ein dünnes Seilchen, was soll das schon ausrichten? Nein, seine Zugkraft reicht aus, um sogar eine schwere Frau wie mich (über 80 kg) an der Decke aufzuhängen. Und wenn man diesen Fakt kennt, dann wird klar, dass man sich eben nicht so einfach befreien kann, und wie verheerend die Wirkung sein kann, wenn man ungeübt am Hals eine Schlinge macht.

Also Wohlfühlen, Augen schließen, nicht allein lassen. Ach ja, noch was: niemals einen gefesselten Menschen alleine laufen lassen. Denk doch mal logisch: wenn der hinfällt, kann er den Sturz nicht abbremsen. Der fällt voll auf die Fresse! Mal ganz plump ausgedrückt. Das tut nicht nur weh, sondern kann auch böse Verletzungen nach sich ziehen. Also: niemals alleine laufen lassen. Auch stehen ist da schwer. M hat mich gestern auf die Zehenspitzen gestellt, und an einem Ring in der Decke gebunden. Geiles Gefühl, aber so gefesselt definitiv nicht, ohne Halteseil. Wäre ich umgefallen, hätte er mich nicht auffangen können. Ich wäre wie ein Baum auf den Boden geknallt.

Suspension – Hängebondage/Tsuri

Ach ja gestern *seufz* das war schön. So viel positiven Körperkontakt hatten er und ich schon lange nicht mehr. Allein das Gefühl der Seile auf meinem Körper, die Wärme seiner Hände, die Musik. Es war ein wunderschöner Nachmittag, und ich danke Katja nochmal sehr dafür, dass wir zu dem Workshop kommen durften. Obwohl an den Wänden massig BDSM-Fetisch-Sachen hingen, ging es nur ums Fesseln. Und das war wahnsinnig romantisch.

Spinnt die jetzt? Ja, tut sie. Für mich war das Romantik pur. Wie ein Bad in Rosenblüten. Wunderschön, entspannend und Vertrauen aufbauend. Katja saß hauptsächlich nur neben uns, und hat uns an einer Puppe gezeigt wie es geht.

Eigentlich ging es hauptsächlich um TK. Takate Kote bezeichnet die Oberkörperfesselung. Sie ist Meisterin und darf deswegen unterrichten. Sie praktiziert schon über 7 Jahre Shibari. Gibt Workshops und ist auch auf Messen anzutreffen. Und auch sie hat mit TK angefangen.

Am besten man sitzt gemütlich auf dem Boden, den Partner hinter sich, und lässt sich führen. Bedeutet für mich als Bunny, lässig dasitzen, und gespannt warten was passiert. Klar, war es am Anfang langweilig, weil sie super viel erklärt hat. Jeder Knoten hat einen Namen, Meister soundso macht es so, aber modernere Varianten gehen so, ich bin fast eingeschlafen. Langsam knotete sich M dann vor, und am Schluss waren meine Arme auf den Rücken gefesselt. Mir tat nichts weh, ich konnte mich trotzdem nicht bewegen, und als ich mich an ihn anlehnte konnte ich seinen schweren Atem spüren und merkte, dass es ihn genauso faszinierte wie mich.

Katja lobte viel, weil er sich sehr geschickt anstellte. Die erklärten Knoten fielen ihm leicht, er konnte sie sich gut merken. Trotzdem musste er die erlernten Fesselungen mehrmals widerholen. Natürlich an mir. Da fiel mir dann schon auf, dass nach ca. 3 Stunden die Arme weh taten. Okay, keine tauben Finger, aber ich konnte weder sitzen, noch die Arme ordentlich bewegen. Ich brauchte ne Pause. Danach konnte Katja nicht mehr an sich halten, und holte den Ring für Suspensions.

Suspensions sind die Hängebondage-Figuren. Sehr kunstvoll anzusehen, aber ich bezweifelte, dass mir dazu die Kraft reichen würde. Also wieder Arme auf den Rücken fesseln, und dann ne Schlaufe hier, Sicherungsknoten da, und jetzt „kannst du sie aufhängen“. Sie zog noch ein Seil durch den Ring, und dann stieß sie einfach den Schemel auf dem ich saß weg. Ich war total perplex, und hing voll in den Seilen. M lächelte und ihm gefiel es offensichtlich. Und ich hing plötzlich an den Armen senkrecht in der Höhe. Okay, war doch nicht so schlecht.

Ich baumelte aus, und Katja legte nach. Sie schnappte sich ein weiteres Seil, und band meine Beine zusammen. Ich muss ehrlich sagen, die ist keine erogene Zone. Und trotzdem wurde ich feucht. Unglaublich, was so eine Fesselung mit einem anstellt. Diese Regung blieb den Beiden natürlich nicht verborgen. Katja zog die Seile wirklich straff an. Erst tat es ein wenig weh, aber Sekunden später wollte ich mehr Seil. Noch enger gefesselt werden. Komplett verschnürt sein. Ausgeliefert sein. Nur ein wenig so rumhängen. Aber sie hatte andere Pläne, und kniete sich vor mich hin, und zog mir einfach die Füße ein paar Zentimeter nach rechts. Ich geriet völlig aus dem Gleichgewicht. Wieder hing ich mit vollem Gewicht in den Seilen. Die Geilheit war weg, dafür Unsicherheit und die Bemühung das Gleichgewicht wieder herzustellen.

M war begeistert. Dieses Spielchen war damit auch beendet. Es war ja nur ein Experiment gewesen. Ich war total auf Adrenalin und konnte einige Zeit nicht reden. Es war auch nicht nötig. M fühlte das Gleiche. Wir waren uns plötzlich so nah wie schon seit Monaten nicht mehr. Ein Kuss war nicht einfach nur ein Kuss. Seine Lippen berührten immer meine linke Schulter wenn er wieder eine neue Seillage über meinen Oberkörper legte. Das war romantisch und erregend, so vertraut und doch so neu. So wahnsinnig nah und intim.

Ich denke Shibari kann ein wundervolles Hobby sein. Eine Passion und auch eine Sucht. Wer es nicht ausprobiert hat, der kann sich schwer die Faszination der Seile vorstellen. Ich bin jedenfalls angefixt. Ich will mehr davon. Und zum Glück möchte M das auch. Es ist immer noch wahr, wir haben Beziehungsprobleme. Aber wenn wir fesseln, dann sind wir uns nah und verbunden. Dann spielt das keine Rolle mehr. Vielleicht finden wir also über die Seile wieder zusammen.

Rope Marks

Veröffentlicht von tineschmaus

Vielseitig und Vielschichtig. Gedankenverloren und Gehirnakrobatisch. Steckt in keiner Schublade oder konservativem Denken fest. Guckt gern über Tellerränder und mit wachen Augen in die Welt. Ja, mich gibts wirklich. Nein, ich werde mich weder ändern noch verbiegen. Meine Freunde lieben mich, meine Feinde können mich....!

2 Kommentare zu „Bondage, Shibari, Kinbaku – oder wie man Tine zum Schweigen bringt

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