Was hat Erziehung mit BDSM zu tun?

Nichts! Klar, wenn man sieht, wie ein Dom seiner Sub Befehle erteilt und sie sich ihm unterwirft; wenn ein Sklave voller Hingabe seiner Herrin jeden Wunsch erfüllt; oder ein TPE sein Leben aufgibt, um nur doch 24/7 auf den Knien zu verbringen, könnte man annehmen, dass der dominante Teil den devoten unterworfen, erzogen und gezwungen hat so zu werden. Aber das ist nicht wahr.

Als ich heute aus dem Fenster sah, beobachtete ich meine Nachbarin. Sie ist mittlerweile nur noch Haut und Knochen. Ein Kind an der Hand, eines lief mit einem Stock voraus, das Einjährige vor den Bauch geschnallt läuft sie mit gesenktem Kopf, und hängenden Schultern. Eigentlich kann das Baby schon laufen. Mittlerweile ist es fast so groß wie die kleine Frau selbst. Aber ihr Mann sagt, dass das besser ist. Ihr Mann sagt auch, dass er keine Zeit hat mit den Kindern zur Schule zu laufen, deshalb macht sie das. Ihr Mann bestimmt das. Er macht die Regeln.

Nein, das ist keine BDSM-Beziehung, sondern eine ganz normale Ehe, wie man sie überall sieht. Die Frau ist Zuhause, kocht, wäscht, putzt, erzieht die Kinder und der Mann geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause. Der mit dem Geld hat die Macht. Damit das funktioniert, braucht es natürlich Regeln. Um den Arbeitenden zu entlasten werden die Regeln natürlich immer zu seinen Gunsten ausfallen. Denn der andere Part ist ja Zuhause und „macht nix“. Aber wie sieht es nun aus, wenn beide arbeiten? Schließlich kann es sich in der heutigen Zeit keiner mehr leisten, dass nur einer alles finanziert.

Wenn beide arbeiten, müssen die Regeln nicht angepasst werden. Das ist reine Erziehungssache. Ich z. B. bin in einer Familie aufgewachsen, wo die Frauen die Hausarbeit machten, und die Männer das Geld verdienten. Immer. Selbst als mein Vater zum zweiten Mal geheiratet hat, und meine Stiefmutter ebenfalls Vollzeit arbeitete und bestimmt fast genauso viel verdiente wie er, habe ich nie gesehen, dass er einen Staubsauger oder einen Lappen in die Hand nahm. Das oblag immer den Frauen. Und auch ich sollte so erzogen werden.

Meine Stiefmutter sagte immer: Du musst dich schon anstrengen, um diesen hohen Ansprüchen zu genügen. Immer hübsch aussehen, immer pünktlich sein, und immer zusehen, dass dein Mann glücklich ist. Meine Lebensaufgabe sollte also sein meinem Mann den Arsch hinterher zu tragen, und klaglos alles allein zu erledigen? Hmm, mal nachdenken……..Nein! So wollte ich nicht leben. Ich bin in einem Zeitalter aufgewachsen, wo die Emanzipation nicht nur erwachte. Sie war auf dem Vormarsch. Gleichberechtigung für Männer und Frauen.

Aus diesem Grund konnte ich mich auch nie einem Mann unterordnen. In dem Moment, wo ein Befehl kam, sträubten sich meine Nackenhaare, es grummelte in meinem Bauch, und Aggression und Ablehnung stiegen meine Kehle hoch. Erst als ich anfing in der BDSM-Szene heimisch zu werden entdeckte ich, wie angenehm es ist zu dienen. Wie einfach nur Befehle auszuführen. Wie bequem nicht denken zu müssen, einfach jegliche Art von Kontrolle abzugeben. Mein Meister macht das schon.

Klar, im wahren Leben da draußen war ich eine Selfmade-Frau. Taff und stark. Ich arbeitete in Männerberufen und zeigte jedem Kerl, dass ich stärker, klüger, besser war als er. Aber ganz tief in mir drin hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Ich wollte mich selbst dafür bestrafen keine gute Frau zu sein. Deshalb musste ich erniedrigt, geschlagen, missbraucht werden. Ich suchte mir immer Herren, die sehr brutal waren. Unerfüllbare Aufgaben stellten, um sicher zu gehen, dass ich meine Bestrafung erhielt.

Meine Stiefmutter war eine wunderschöne Frau mit vielen Verehrern. Sie hatte meinen Vater gewählt, und sich ihm untergeordnet. Seit vielen Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen, denn als ich die Beiden das letzte Mal sah, hat mein Vater mit der Bürgermeisterin rumgeknutscht, und meine Stiefmutter war so dürr, dass man ihre Knochen sah. Sie saß auf einer Bank in der Ecke und lächelte wie verrückt. Dieses Bild war so erschreckend. Wie eine so starke, selbständige und kluge Frau zu so etwas werden konnte. Ich war nie wieder dort.

Aber wenn ich meine Mitmenschen betrachte, ihnen zusehe, wie sie sich behandeln, was die Emanzipation aus den Paaren gemacht hat, dann könnte ich schreien. Es ist kein Geheimnis, dass man sich anpassen muss. Ähnlich einem Stein im Flussbett. Man schleift sich gegenseitig ab, damit man besser zusammenpasst. Jeder muss mal nachgeben, jeder bekommt mal recht. Entscheidungen müssen gemeinsam getroffen werden, sonst ist ein Zusammenleben für den Anderen auf lange Sicht nicht ertragbar.

Mein Mann sagt, ich sei ein Kontrollfreak. Vielleicht hat er recht. Es ist nicht der Herd, den ich fünfzig Mal kontrolliere, ob er aus ist, sondern ich reflektiere jeden Abend meinen Tag. Was habe ich falsch und was richtig gemacht. Waren die Entscheidungen zum Wohle Aller, oder war ich egoistisch. Ich weiß nicht, ob das so ein Frauending ist. Aber ich kenne sehr viele Frauen, die das genauso machen. Und da wir Frauen eben besser nachdenken können, wenn wir reden, sprechen wir wohl auch sehr viel mit unseren Partnern.

Man nehme nun mal an, das ist ein dominanter Kerl, dem es nicht passt, dass er so viel im Haushalt machen muss. Er wird immer sagen, dass er sich ungerecht behandelt fühlt und wird seiner Partnerin ein schlechtes Gewissen machen. Er wird sich entschuldigen, dass er seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte, weil er so kaputt von der Arbeit war, noch so viel zu tun hatte, nicht genug Zeit hatte. Er braucht dann auch nichts weiter zu sagen, denn die Partnerin wird freiwillig seine Arbeiten mit übernehmen, um ihn zu entlasten. Schließlich liebt sie ihn. Und so kann der dominante Part den unterlegenen erziehen.

Bei einem Hund ist es für Stinos ganz klar, dass er erzogen werden muss, da er sonst beißt und schlechte Angewohnheiten entwickelt. Bei einem Kind ist es das Gleiche. Jeder erinnert sich an antiautoritäre Erziehung. Ganz gruselig! Wir wollen nicht, dass nur Egoisten rumlaufen, die tun und lassen können was sie wollen. Andererseits möchten wir auch nicht auf unsere Freiheiten verzichten. Da muss ein Kompromiss getroffen werden. Wie meine Nachbarin so gerne betont: wir sind laut, also dürft ihr auch laut sein.

Und mit diesem ganzen Hintergrund möchte ich jetzt nochmal den Bogen schlagen zum BDSM. Ich verstehe die Stinos nicht. Sie verurteilen Sklaven und Subs, sagen das wäre weder artgerechte Haltung noch menschenwürdig. Nur Zwang und Druck. Ich muss ehrlich sagen: das was die Normalos leben ist für mich Selbstbetrug. Da ist mir doch ein Dom, der ganz klar sagt, dass er bestimmen will lieber als so eine Beziehung auf Augenhöhe, wo ich jeden Tag darum kämpfen muss meine Meinung sagen zu dürfen, die dann doch nie berücksichtigt wird.

Nein, ich möchte keine 24/7-Sub sein. Aber in so mancher Normalo-Beziehung habe ich mich wie eine solche gefühlt. Ich musste immer nachgeben, die ganze Arbeit blieb an mir hängen, wenn Sex dann nur zu seinen Bedingungen, und mein Partner machte nie Fehler, musste sich nie entschuldigen, hatte immer Recht. Quasi seine Meinung war Gesetz. Auflehnung zwecklos. Was anderes als Domination, Unterwerfung, Erziehung ist das? Lieber spiele ich für einen begrenzten Zeitraum die Unterlegene, die Sklavin, die Dienerin, als mich ein ganzes Leben lang knechten und unterwerfen zu lassen. Nein, eine normale Beziehung kommt für mich nie wieder in Frage! Ich liebe meinen Mann, der das begriffen hat, und mit dem ich auf Augenhöhe lebe, und nur nachts im Schlafzimmer vor ihm knieen muss.

Veröffentlicht von tineschmaus

Vielseitig und Vielschichtig. Gedankenverloren und Gehirnakrobatisch. Steckt in keiner Schublade oder konservativem Denken fest. Guckt gern über Tellerränder und mit wachen Augen in die Welt. Ja, mich gibts wirklich. Nein, ich werde mich weder ändern noch verbiegen. Meine Freunde lieben mich, meine Feinde können mich....!

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